Wissenschaftspark Albert Einstein

Manchmal ergeben sich die schönsten Ausflüge eher beiläufig. So war es auch an dem Tag, an dem ich meinen Sohn nach dem Finale der Geo-Olympiade vom Wissenschaftspark Albert Einstein in Potsdam abholte – und wir spontan beschlossen, das Gelände gemeinsam zu Fuß zu erkunden. Was als entspannter Spaziergang gedacht war, wurde zu einer kleinen Reise durch 150 Jahre Wissenschaftsgeschichte.

Anlass unseres gemeinsamen Ausflugs war ein ganz besonderer: Mein Sohn hatte sich für das Finale der Geo-Olympiade in Potsdam qualifiziert. Die Veranstaltung erstreckte sich über zwei Tage.

Am zweiten Tag, am Ende der Veranstaltung habe ich ihn am Wissenschaftspark Albert Einstein auf dem Telegrafenberg abgeholt.

Wir hatten von vornherein den Plan, dass wir uns nach der Veranstaltung gemeinsam das weitläufige Gelände ansehen.

Wir hatten uns bewusst gar nicht über mögliche Führungen informiert. Wir wollten einfach das Gelände sehen, fotografieren und zusammen sein. Bei strahlendem Sonnenschein und angenehm warmen Temperaturen sind wir gut anderthalb Stunden in Ruhe etwa zwei Kilometer über das Gelände gewandert. Auf dem Areal gibt es einen kleinen, beschrifteten Rundweg mit etwa zehn Stationen, die jeweils kurz die Geschichte und Funktion der historischen Gebäude und Messstationen erläutern. Dieser Park ist ein Stück Wissenschaftsgeschichte unter freiem Himmel.

Der Telegrafenberg selbst ist ein Ort, an dem in den vergangenen rund 150 Jahren Forschung von Weltrang betrieben wurde – zur Sonne, zu den Sternen, zur Erde, zum Klima. Hier wurde die interstellare Materie nachgewiesen, hier suchte man nach Belegen für Einsteins Relativitätstheorie, hier zeichnete man weltweit erstmals ein Erdbeben aus der Ferne auf. Heute sind auf dem Gelände unter anderem das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ansässig. Drei Gebäude waren aus unserer Sicht die unbestrittenen Höhepunkte des Spaziergangs.

Michelson-Haus – das erste astrophysikalische Observatorium der Welt

Michelson Haus
Michelson-Haus von der Eingangsseite: Das Michelson-Haus von der Eingangsseite – das 1879 fertiggestellte, erste astrophysikalische Observatorium der Welt und heute Sitz des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Schon der erste Anblick des Michelson-Hauses ist eindrucksvoll: ein langgestrecktes, in warmem Rot und Gelb gestreiftes Backsteingebäude mit mehreren Kuppeln, dahinter tiefblauer Himmel. Ein Schild informierte uns darüber, dass es sich um das 1879 fertiggestellte erste astrophysikalische Observatorium der Welt handelt. Berühmt ist es vor allem durch einen seiner Direktoren, den Astronomen und Physiker Karl Schwarzschild, dem 1916 die erste exakte Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen gelang. Den heutigen Namen verdankt das Haus Albert A. Michelson, der hier 1881 im Keller seinen ersten Interferometer-Versuch durchführte – ein Experiment, das die Physik des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägen sollte. An gleicher Stelle gelang Ernst Rebeur-Paschwitz 1889 zudem die weltweit erste Fernaufzeichnung eines Erdbebens. Seit 2001 ist in dem Gebäude das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung untergebracht.

Großer Refraktor – ein Riese aus der Kaiserzeit

GrosserRefraktor
Großer Refraktor von vorne: Der Große Refraktor von 1899 – mit seiner 21 Meter weiten Kuppel und einem 80-Zentimeter-Objektiv bis heute das viertgrößte Linsenteleskop der Welt.

Weiter ging es zum Großen Refraktor – Das Bauwerk ist schlicht beeindruckend: ein massiver Backsteinkörper, gekrönt von einer 200 Tonnen schweren, drehbaren Kuppel mit 21 Metern Durchmesser. 1899 wurde das Teleskop im Beisein des Kaisers eingeweiht, und es ist bis heute das viertgrößte Linsenteleskop der Welt. Im Inneren arbeitet ein Doppelrefraktor mit zwei Fernrohren auf einer gemeinsamen Montierung; das größere Objektiv hat 80 Zentimeter Durchmesser und über zwölf Meter Brennweite. 1904 entdeckte Johannes Hartmann mit Hilfe dieses Teleskops die interstellare Materie, indem er aus den Spektren von Doppelsternen schloss, dass der Raum zwischen den Sternen nicht leer, sondern von Gas und Staub durchsetzt ist. Nach Kriegsschäden 1945, einer Modernisierung 1953 und schließlich der vollständigen Einstellung des Betriebs 1968 hätte die Geschichte des Refraktors hier enden können. Dass das Teleskop heute wieder funktionstüchtig in seiner Kuppel steht, ist dem 1997 gegründeten Förderverein Großer Refraktor Potsdam und vielen Spenden zu verdanken; 2006 wurde es erneut eingeweiht. Wir haben das Gebäude vor allem von außen genossen – die Kombination aus Backstein und Metallkuppel war ein Fest

Einsteinturm – Architektur und Physik in Reinform

Einsteinturm
Einsteinturm von vorne: Der Einsteinturm – Erich Mendelsohns erstes bedeutendes Bauwerk und bis zum Zweiten Weltkrieg das wichtigste Sonnenteleskop Europas, fotografiert von der Vorderseite.

Der Höhepunkt unseres Spaziergangs war für uns beide der Einsteinturm. Der Turm entstand zwischen 1919 und 1924 als erstes bedeutendes Bauwerk des Architekten Erich Mendelsohn, in enger Zusammenarbeit mit Albert Einstein und dem Astronomen Erwin Finlay Freundlich. Ursprünglich sollte mit seiner Hilfe der Nachweis der von Einsteins Relativitätstheorie vorhergesagten Rotverschiebung von Spektrallinien im Schwerefeld der Sonne gelingen. Weil die Sonnenkonvektion jedoch eine Blauverschiebung in gleicher Größenordnung erzeugt, gelang die experimentelle Bestätigung erst sehr viel später. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Einsteinturm das wissenschaftlich bedeutendste Sonnenteleskop Europas; nach einer umfassenden Renovierung 1999 wird er bis heute vom AIP genutzt, vor allem zum Testen von Instrumenten, die später an modernen Sonnenteleskopen auf Teneriffa zum Einsatz kommen. Mein Sohn und ich sind ein paar Mal um den Turm herumgegangen, einfach um diese ungewöhnliche Form aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Allein für diesen Anblick hat sich die Besichtigung gelohnt.

Fazit

Nach gut anderthalb Stunden, zwei Kilometern und etlichen Fotos waren wir uns einig: Auch ohne Führung lohnt sich der Besuch des Wissenschaftsparks Albert Einstein. Der Park lässt sich in eigenem Tempo erkunden, die Stationsschilder geben genügend Kontext, und die Architektur erzählt Geschichten, die weit über das Sichtbare hinausgehen. Für meinen Sohn war es ein gelungener Abschluss einer aufregenden Veranstaltung – für mich ein stiller Höhepunkt, an den ich noch lange zurückdenken werde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. astrocampEU on MASTODON ... loading