Die Reise zur Sonnenfinsternis: Von Koblenz nach León

Eine Woche Vater-Sohn-Roadtrip von Koblenz nach Nordspanien, um die totale Sonnenfinsternis am 12. August 2026 fotografisch festzuhalten. Von der Standortsuche über drei unabhängige lokale Kontakte bis zur bangen letzten Stunde vor der Totalität.

Am 12. August 2026 stand ich mit meinem Sohn Gero auf einem frisch abgemähten Feld irgendwo zwischen Sahagún und der Provinzgrenze zu Palencia und wartete auf den Mond. Bis dahin war es ein weiter Weg – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Dieser Beitrag erzählt die Geschichte dieser Reise: vom Aufbruch in Koblenz über eine Standortsuche, die mich mehrfach umdenken ließ, bis zu den anderthalb Minuten, für die wir eine Woche lang unterwegs waren. Die Rückreise spare ich mir für ein andermal auf – hier geht es um den Weg hin, und um das, was am Ende davon stand.

Aufbruch: Von Koblenz über Bordeaux nach Burgos

Losgefahren sind wir an einem Sonntagvormittag. Gero, mein 17-jähriger Sohn, war die ganze Woche über dabei – auch wenn ich diesen Trip in erster Linie als Astrofotograf geplant hatte, war er eben genauso eine Vater-Sohn-Reise, und im Rückblick war das mindestens so wichtig wie die Technik im Kofferraum.

Der erste Tag war reine Strecke: von Koblenz praktisch durchgefahren bis in die Abendstunden nach Bordeaux, Übernachtung in einem Hotel am Rand der Innenstadt. Den nächsten Vormittag haben wir uns bewusst freigehalten – mit zwei Brompton-Falträdern sind Gero und ich durch Bordeaux gefahren, bevor es weiterging. Das war keine Notwendigkeit, sondern eine kleine Erinnerung daran, dass diese Reise mehr sein sollte als eine reine Anfahrt zu einem astronomischen Termin.

Bromptons in Bordreaux

Von Bordeaux aus waren es noch etwa fünf Stunden bis Burgos, wo wir die zweite Nacht verbrachten. Am Tag darauf ging es weiter nach León – dem eigentlichen Ausgangspunkt für alles Weitere.

Die Standortsuche: Vom Mirador zur Meseta

Diese Reise sollte sich nicht einfach so ergeben. Ich wollte diesen einen Moment maximal vorbereitet erleben – und das hieß: recherchieren, nachfragen, und den eigenen Plan notfalls wieder verwerfen, bis er wirklich stand. Schon Wochen vorher hatte ich angefangen, mich mit der Frage zu beschäftigen, wo genau ich diese Finsternis überhaupt beobachten wollte. Die erste Ernüchterung kam schnell: Die Totalität über León dauert nur etwa zwei Minuten, und die Sonne steht dabei sensationell tief – keine zehn Grad über dem Horizont, kurz vor Sonnenuntergang. Das bedeutet, dass nicht die Höhe eines Aussichtspunkts zählt, sondern ein wirklich freier Blick nach Westen bis Nordwesten. Ein einzelner Hügel oder eine Baumreihe am Horizont hätte gereicht, um die Totalität zu verpassen.

Meine erste Empfehlung war der Mirador de La Cepeda, ein erhöhter Punkt westlich von León Richtung Astorga, gut mit dem Auto erreichbar – wichtig, weil ich neben Kamera und Objektiven auch eine AGM-Bleibatterie für die Stromversorgung dabei hatte, die man nicht eben mal einen Kilometer weit trägt. Aber je mehr ich mich mit der Topografie beschäftigte, desto klarer wurde: Ein erhöhter Punkt in Gebirgsnähe bringt zwar einen schönen Ausblick, aber auch ein höheres Risiko für genau die Wolken, die mir die Sicht verstellen könnten. Die bessere Logik war eine andere: raus aus der Nähe der Montes de León, rein in die flache Weite der Meseta – die Tierra de Campos zwischen Sahagún und der Provinz Palencia. Keine spektakuläre Landschaft, aber praktisch reliefslos und damit ziemlich sicher gegen genau die Art von Nachmittagswolken, die sich an Gebirgsketten gerne bilden.

Das war die erste echte Planänderung dieser Reise, und im Rückblick die wichtigste: weg vom schönsten Aussichtspunkt, hin zum sichersten Himmel.

León: Ankunft, Erkundung und ein Abend mit Fremden

Am Dienstag checkten wir in unserem Hotel in León ein und nutzten den Nachmittag, um ein paar der Kandidaten-Orte abzufahren, die mir zwischenzeitlich verschiedene Kontakte genannt hatten – darunter das Castillo de Coyanza bei Valencia de Don Juan. Am Abend saßen wir ich in der Stadt bei einem Bier mit einer bunt gemischten Gruppe von Eclipse-Reisenden zusammen. Leute aus Wales, aus England, aus verschiedenen Ecken der USA, kennengelernt über dieselbe Facebook-Gruppe, über die auch mein erster lokaler Kontakt zustande gekommen war. Alle mit demselben Ziel wie wir. Es war einer dieser spontanen Abende, die sich nicht planen lassen, aber genau deshalb im Gedächtnis bleiben.

Drei Kontakte, eine Entscheidung

Parallel zur Standortsuche hatte ich versucht, ortskundige Hilfe zu finden – nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt über mehrere Kanäle gleichzeitig: einen Facebook-Post zur Sonnenfinsternis, die Website des örtlichen Astronomievereins, Astrobin.

Den ersten Kontakt bekam ich, ohne selbst aktiv geworden zu sein: Alejandro Martínez Fernández meldete sich unaufgefordert auf meinen Facebook-Post. Er kannte die Gegend um León gut und erklärte mir, dass sich an Nachmittagen regelmäßig konvektive Wolken an den Montes de León im Westen bilden. Orte wie Sahagún oder Valencia de Don Juan, weiter weg von diesen Bergen, seien deutlich sicherer. Er selbst wollte mit seiner Familie zu einem Hügel bei Valencia de Don Juan fahren. Dieser Hinweis bestätigte mir schon früh, dass meine eigene Meseta-Überlegung fototechnisch die richtige Richtung war.

Über die Website der Asociación Leonesa de Astronomía schrieb ich außerdem eine Anfrage – die Antwort verwies mich freundlich, aber unspezifisch auf offizielle Beobachtungsorte in der Stadt und die öffentliche ESA-Veranstaltung am Palacio de Congresos. Für einen normalen Touristen sicher ein guter Tipp, für mich mit Teleskop, Montierung und dem Anspruch, das Ereignis konzentriert zu fotografieren, aber nicht das, was ich suchte. Aus diesem Kontakt wurde am Ende nichts weiter.

Fündig wurde ich stattdessen über genau dieselbe Vereinsseite auf anderem Weg: Ich fand dort den Namen eines Astrofotografen, Javier Fuertes, und schrieb ihn gezielt über Astrobin an. Seine Antwort war der Wendepunkt der ganzen Standortfrage. Er selbst wollte in die Gegend bei Sahagún, nahe der Grenze zur Provinz Palencia – exakt die Meseta-Logik, zu der ich unabhängig davon selbst gekommen war und die Alejandro kurz zuvor schon bestätigt hatte. Er hatte sogar schon drei mögliche Standorte vorbereitet, falls einer davon nicht funktionieren sollte, und schickte mir die Koordinaten seines ersten Favoriten. Es war ein kleiner, sehr befriedigender Moment der Bestätigung: Die exakte Koordinate, über die ich Wochen vorher schon einmal nachgedacht hatte, war genau der Punkt, den mir nun ein ortskundiger Fotograf unabhängig vorschlug.

Javier verwies mich außerdem an einen zweiten Kontakt, Alberto Pisabarro, der ein eigenes kleines Event bei Santa Catalina de Somoza nahe Astorga organisierte – interessanterweise fast genau in der Gegend, die ich ursprünglich mit dem Mirador de La Cepeda favorisiert und dann verworfen hatte. Ich fragte Alberto gezielt nach Wolken- und Brandrisiko und ob für mein Equipment Platz und Zeit wäre; er schickte mir ein Foto vom Vorabend – ein wunderschöner Ort, aber mit sichtbaren Wolken am Horizont, verbunden mit der Hoffnung, dass es am nächsten Tag besser würde.

Am Morgen des Finsternistags hatte ich damit drei voneinander unabhängige Stimmen, die alle in dieselbe Richtung zeigten: weg von Astorga, hin zu Javiers Standort bei Sahagún. Ich blieb bei meiner Linie, schrieb Alberto eine kurze Nachricht, dass ich mich für Javiers Platz entscheiden würde, wünschte ihm viel Erfolg für sein Event – und machte mich mit Gero auf den Weg.

Der Morgen der Finsternis: Hitze, ein Feld und eine bange halbe Stunde

Es war brütend heiß an diesem Mittwoch, an die 40 Grad, als wir von León aus die knappe Stunde zum vereinbarten Treffpunkt fuhren. Wir waren fast eine Stunde zu früh dort und warteten zunächst im Auto an einem schattigen Platz.

Dann kam der einzige wirklich nervenaufreibende Moment der ganzen Reise. Als ich den vorgesehenen Platz noch einmal ansteuerte, sah ich, dass dort Bauern mit ihrer Feldarbeit beschäftigt waren – ausgerechnet auf der Fläche, die wir für den Aufbau vorgesehen hatten. Ohne Netzempfang vor Ort fuhr ich zurück, um überhaupt ein Foto machen und es Javier zeigen zu können. Er war zu dem Zeitpunkt selbst schon auf dem Weg zum Standort. Wir verabredeten uns, uns direkt dort zu treffen, telefonierten kurz – und wenige Minuten später hatte sich die Lage von selbst gelöst: Die Bauern waren weitergezogen, das Feld war frei.

Aufbau und Warten: Nachbarn, Nervosität und ein Feld voller Menschen

Preparing for the Eclipse

Der Aufbau selbst dauerte zwanzig, vielleicht dreißig Minuten und verlief völlig entspannt. Zunächst waren wir nur zu dritt – Gero, Javier und ich. Javier baute sein Teleskop auf, ich meine Montierung mit dem restlichen Material. Das Berlebach-Stativ hatte ich grob mit dem Kompass meines Handys eingenordet, den Winkel ebenfalls damit kontrolliert; meine Montierung, eine Warpastron WD-20P, besitzt ein eigenes GPS-Modul, sodass sie nach ein, zwei Minuten Position und Uhrzeit exakt kannte und die Sonne praktisch von selbst fand.

Nach und nach füllte sich der Platz. Javiers Eltern kamen dazu, als die partielle Phase bereits begonnen hatte, und im Lauf des Nachmittags gesellten sich immer mehr Dorfbewohner hinzu – am Ende waren es schätzungsweise zwanzig bis fünfundzwanzig Menschen auf diesem unscheinbaren, frisch abgemähten Feld, alle mit Eclipse-Brillen bewaffnet.

Eclipse Focusing

Ich selbst wurde mit näherkommender Totalität zunehmend nervöser und ging immer wieder mein Setup durch: Fokus am Teleskop und am Samyang-Objektiv hatte ich direkt nach dem Aufbau geprüft und noch einmal in der Mitte der Partialphase – danach bewusst nicht mehr angefasst, um nichts zu riskieren. Zwischendurch ließ ich testweise die Belichtungsreihen durchlaufen, um sicherzugehen, dass wirklich alles sauber funktionierte. Fünf bis zehn Minuten vor der Totalität ging ich dann noch einmal konzentriert alle Handgriffe durch: ISO, Belichtungszeit, Akkustand, Nachführung.

Der Höhepunkt: Anderthalb Minuten Totalität

Und dann war es soweit. Sobald die Totalität einsetzte, ließ ich die Technik einfach laufen – die Belichtungsreihen liefen automatisch durch, und ich habe mich bewusst von der Kamera gelöst, um den Moment selbst nicht zu verpassen. Ich nahm Gero in den Arm, und wir haben diese anderthalb Minuten gemeinsam einfach erlebt.

Eclipse and Venus

Um uns herum spürte man eine Mischung aus Anspannung und stiller Begeisterung – die Dorfbewohner, Javiers Eltern, alle mit ihren Brillen, alle für einen Moment ruhig. Es ist schwer zu beschreiben, wie kurz anderthalb Minuten sich anfühlen, wenn man monatelang genau auf diesen Moment hingearbeitet hat. Kaum war die Sonne wieder hervorgetreten, mussten die Filter sofort zurück auf die Optiken – und ich machte im Anschluss noch eine Reihe weiterer Einzelbelichtungen für eine geplante Collage der gesamten Finsternis, von der ersten bis zur letzten Berührung.

Abbau: Ruhig zu Ende

Javier und seine Eltern verabschiedeten sich noch, bevor die partielle Phase ganz zu Ende war. Gero und ich blieben länger, ließen das Material bewusst stehen, um die ausklingende Finsternis noch für weitere Aufnahmen zu nutzen, und genossen dabei den Sonnenuntergang über der Meseta. Als wir schließlich in Ruhe abbauten und einpackten, waren wir vor allem eines: erschöpft von der Hitze und dem langen, aufregenden Tag. Die Fahrt zurück ins Hotel nach León war entsprechend still.

Javier, Gero, Tom
Javier – Thomas – Gero

Noch am selben Abend schrieb mir Javier eine Nachricht, die der ganzen Standortsuche im Nachhinein ihren Sinn gab: Ein befreundeter Astrofotograf in der Astorga-Gegend – genau dort, wo auch Albertos Event stattfand – hatte ausgerechnet zum Zeitpunkt der Totalität eine Wolke vor der Sonne gehabt. Wenige Tage später sah ich auf Instagram das Foto dazu: die verfinsterte Sonne fast vollständig hinter dramatischen Wolken verschwunden. Alejandros Wolkentipp, Javiers unabhängige Ortswahl und meine eigene Meseta-Überlegung hatten also alle in dieselbe, richtige Richtung gezeigt – und die drei unabhängigen Quellen, auf die ich mich verlassen hatte, statt einfach dem schönsten Aussichtspunkt zu folgen, hatten sich ausgezahlt.

Technisch ist an diesem Nachmittag praktisch nichts schiefgelaufen – aber wie ich am Ende tatsächlich fotografiert habe, mit welchem Equipment und welchen Einstellungen, und warum daraus am Ende zwei Systeme statt der ursprünglich geplanten drei wurden, das erzähle ich in den nächsten beiden Beiträgen dieser Serie.

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